Psychologische Erkenntnisse zu Linken und Rechten


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na.haari,
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In den vergangenen Jahren haben sich die politischen Lager immer weiter
verfestigt. Dialoge finden kaum noch statt, hauptsächlich wird der politische
Gegner mit moralisch aufgeladenen Anschuldigungen beworfen. Linken sei das Wohl
von Flüchtlingen und Minderheiten wichtiger als das der eigenen Leute, außerdem
sorgen sie nur für Chaos und die Zerstörung althergebrachter Werte. Rechten
wiederum fehle es an Empathie, außerdem seien sie in ihrem Horizont beschränkt.
Psychologische Forschung kann dabei helfen, das Verständnis für diese zwei
politischen Lager zu erhöhen. Ich habe Studien durchforstet und, wenn nötig, mit
einem großen Datensatz mit Persönlichkeitsprofilen von 950000 Menschen aus aller
Welt selbst nachgerechnet.

Ein bisschen Theorie: Persönlichkeit, Moral und politische Einstellungen


Big Five-Persönlichkeitsmodell mit je zwei Facetten.
(Quelle)

Mitgefühl war und ist für die Menschheit enorm wichtig. Man vermutet den
Ursprung in der Pflege von
Nachwuchs
.
Mitgefühl sorgt auch
dafür
, dass Menschen
stabile soziale Gruppen bilden, kooperieren und sich um schwächere, verletzliche
Gruppenmitglieder kümmern. Ausgeprägtes Mitgefühl sorgt auch dafür, dass
Menschen aggressiv werden, wenn diejenigen, denen das Mitgefühl gilt, bedroht
werden. Manchmal auch dann, wenn es objektiv gar keine Bedrohung
gibt
. Man kann sich leicht
vorstellen, wie wichtig diese Eigenschaft im Laufe der Evolution dafür sein, den
eigenen Nachwuchs großzuziehen und zu beschützen. Wegen der wichtigen Rolle, die
diese menschliche Eigenschaft spielt verwundert es nicht, dass Mitgefühl Teil
der „Big Five“ ist — der fünf wichtigsten menschlichen Persönlichkeitsmerkmale:

  • Offenheit: wie empfänglich ist jemand für komplexe, abstrakte Ideen und wie
    offen für ästhetische Reize wie Kunst und Naturschönheit?
  • Gewissenhaftigkeit: wie zielstrebig ist jemand beim Verfolgen von Plänen und wie
    ordnungsliebend ist er?
  • Extraversion: interagiert jemand eher mit der Außenwelt, bei sozialen
    Aktivitäten und anderen, aufregenden Tätigkeiten, oder ist er lieber allein?
  • Verträglichkeit: wie viel Mitgefühl hat jemand mit anderen Menschen und wie
    Höflich ist der Umgang mit Menschen in seiner Umgebung?
  • Neurotizismus: sind die Emotionen eines Menschen eher schnell aus dem
    Gleichgewicht zu bringen? Wie leicht und wie deutlich erlebt jemand negative
    Gefühle?

Obwohl diese Eigenschaften zum Teil erblich
sind

braucht es keine Blutprobe, um sie zu messen. Psychologische Tests ermöglichen
es, diese Merkmale bei Menschen zuverlässig einzuschätzen, wie ausgeprägt das
jeweilige Merkmal ist. Das generelle Ausmaß von Mitgefühl ist, wie schon
beschrieben, ein Aspekt der Eigenschaft „Verträglichkeit“.

Persönlichkeitseigenschaften, moralische Werte und Zusammenhänge mit politischen
Einstellungen. Rote, gestrichelte Pfeile sind negative Zusammenhänge, also „mehr
= weniger“.
(Quelle)

Einige Forscher hat interessiert, ob dieses evolutionär
entstandene
,
grundlegende Persönlichkeitsmerkmal für Unterschiede bei moralischen Werten und
damit bei der politischen Einstellung[1] sorgt. Dass sich Rechte und Linke in
ihrem moralischen Fundament
unterscheiden
,
dürfte nicht überraschen. Wenn Rechte über richtig und falsch urteilen, lassen
sie andere Informationen in ihr Urteil einfließen. „Richtig“ sind für sie
Handlungen, die von Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe und von einem
Einordnen in die Hierarchie zeugen. „Falsch“ sind eher die Handlungen, die Chaos
und Unordnung hervorrufen oder als „unanständig“ wahrgenommen werden. Linke
messen moralische Richtigkeit mit anderen Maßstäben, nämlich daran, ob jemand
unfair behandelt wurde, gelitten hat auf andere Art verletzlich ist. „Falsch“
sind für sie die Handlungen, die andere ihrer Rechte berauben oder ihnen
gleichen Zugang zu Ressourcen verwehren [2]. Hierarchien stellen Linke eher in
Frage und sie versuchen sie aktiv zu durchbrechen, auch teilen sie die eher
rechten Vorstellungen von „Reinheit“ nicht und sehen den Körper nicht als
„Tempel“, der „entweiht“ werden kann, sondern als Quell von Genuss und Freude.

Auf diese moralischen Grundlagen wiederum hat die Persönlichkeit einen
Einfluss.
Eine Eigenschaft, die bei politisch Rechten ausgeprägter ist, ist
die Gewissenhaftigkeit, besonders die Ordnungsliebe. Intellekt und ästhetische
Offenheit scheint „rechte“ moralische Werte eher zu unterdrücken. Ein
ausgeprägtes Mitgefühl und eine hohe Offenheit für Neues hingegen ist der
Hintergrund „linker“ Werte. Jonathan Haidt hat das in einem Vortrag anschaulich
und plakativ zusammen
gefasst
:

Linke wollen Gerechtigkeit und Veränderung und riskieren dabei Chaos. Rechte
wollen Ordnung und riskieren dabei Unterdrückung.

Wenn man die Erkenntnisse über Persönlichkeit und politische Einstellungen
kennt, lässt sich damit viel erklären.

Wahlverhalten von Frauen und Männern

„Links“ = hohe Offenheit, hohe Verträglichkeit, keine hohe Gewissenhaftigkeit.
„Rechts“ = hohe Gewissenhaftigkeit, geringe Offenheit, keine hohe
Verträglichkeit. „Gesamt“ = Verhältnis in der Gesamtstichprobe als Vergleich.
(Quelle, eigene Auswertung)

Es ist ein seit Jahren bekannter Fakt, dass Frauen in Wahlen seltener
konservative bis rechtsradikale Parteien wählen als Männer. Das ist auch zum
Teil auf die Persönlichkeitsunterschiede zurück zu führen: tatsächlich sind
Frauen mitfühlender als Männer. Dieser Unterschied ist größer in
Ländern
,
in denen traditionelle Rollenbilder für Geschlechter weniger ausgeprägt
sind.

Die Persönlichkeitsmerkmale, die linke Einstellungen begünstigen (also hohe
Verträglichkeit, hohe Offenheit und keine hohe Gewissenhaftigkeit) kommen bei
Frauen viel häufiger vor — in der Stichprobe, die mir vorliegt, doppelt so
häufig. Bei den Eigenschaften, die rechte Ansichten begünstigen, ist der
Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht auffällig anders. Die eher
weibliche Bevorzugung eher „linker“ moralischer Werte schlägt sich auch im
Wahlverhalten nieder. Bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich, die
beispielhaft für eine politisch sehr polarisierte Wahl zwischen „links“ und
„rechts“ war, entschieden sich Frauen viel häufiger für Alexander van der
Bellen.

Quelle:
heute.at

Migration und Flüchtlinge

Auch die linke Solidarität mit Flüchtlingen lässt sich an einer spezifischen
Persönlichkeitsstruktur einfach festmachen. Eine italienische Studie fand
heraus
, dass
Personen mit ausgeprägter Verträglichkeit eine positivere Haltung zu Migranten
haben. Diesen Einfluss gab es auch dann noch, wenn zahlreiche andere Faktoren
wie Bildung, selbst eingeschätzte politische Einstellung oder das Geschlecht mit
berücksichtigte. Migranten gelten Linken als Gruppe in Not, denen zu helfen ist.
In politisch sehr polarisierten Zeiten wird auch vorsichtige Kritik an Migration
als unmittelbare Verletzung eigener moralischer Vorstellungen gesehen.

Rechte sehen in Migranten eher eine Bedrohung, weil ihre bloße Existenz die
moralischen Werte bedroht. So fürchten sie um die öffentliche Ordnung, weil
Migration in hohem Ausmaß die Vorstellung kontrollierter Landesgrenzen angreift.
Die Versorgung von Flüchtlingen durch öffentliche Gelder und die „Einwanderung
in die Sozialkassen“ verletzen ihre Vorstellungen von der Loyalität gegenüber
der eigenen Gruppe, also der einheimischen Bevölkerung. Auch der Wert „Reinheit“
wird bedroht, erkennbar an den klassisch rechten Befürchtungen, dass Migranten
Krankheiten mitbringen oder sich mit dem einheimischen Volk „vermischen“. In
einer Studie konnte
man
bei
Menschen, die „rechten“ Meinungen zustimmen, stärkere Angstreaktionen auf Bilder
von dunkelhäufigen Menschen, Schwulen und Drogenabhängigen feststellen. Große
Abscheu verursacht es vielen Rechten, wenn die einheimischen Frauen sich mit
Migranten einlassen und so ihre „Reinheit“ verlieren. All das kann man gruselig
finden, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die massive Wut und die
erstarkenden rechten Protestbewegungen und Parteien wohl zu einem guten Teil auf
dem Verstoß gegen diese moralischen Fundamente beruhen. Wut ist nämlich keine
rein destruktive, sondern eine moralische
Emotion
.
Eine durchschnittliche Rede von Björn
Höcke

lässt sich lesen, wie eine einzige, wütende und empörte moralische Tirade zu
genau diesen Themen.

Sex und Gender

Auch in abstrakteren Gefilden schlägt sich das Bedürfnis nach Ordnung, das
Rechte haben, nieder. So auch in Geschlechter- und Beziehungsfragen: es gibt
zwei Geschlechter, Mann und Frau, diese können heiraten und Kinder kriegen,
fertig. Alles, was in dieses System nicht passt, verletzt die moralischen Werte
eines Rechten: es gilt als Bedrohung für die Ordnung der Kategorien, oder
schlicht als „unnatürlich“, also als Bedrohung der Reinheitsnorm.
Scheußlichkeiten wie die von konservativen Christen betriebene
„Konversionstherapie“, die Homosexuelle zu Heterosexuellen machen soll, sind ein
Ausdruck eines starken Bedürfnisses nach Ordnung und Reinheit.

Die tendenziell stärker ausgeprägte intellektuelle Offenheit von Linken lässt
sie starre Kategoriensysteme in Frage stellen. Derzeit sieht die Lage so aus,
dass viele neue Kategorien geformt werden, die mittlerweile teilweise politisch
realisiert wurden. Die Stadt New York
erkennt

— neben „Mann“ und „Frau“ — noch 29 weitere Kategorien an, wie „Pangender“,
„Androgyn“, „Drag King“ oder „Two-Spirit“. Dieses „dekonstruieren“ von
Kategorien geht auch damit einher, dass Linke die Menschen, die vom
traditionellen Kategoriensystem ausgeschlossen sind, als Unterdrückte
wahrnehmen, mit allen Konsequenzen, die bereits behandelt wurden.

Ob das die Lösung ist, wird sich zeigen. Hier drückt sich im politischen
Spektrum nämlich ein Dilemma aus, das die menschliche Wahrnehmung mit sich
bringt: wenn wir die Welt nicht in Kategorien unterteilen, überwältigt sie uns,
was dazu führt, dass es unendlich viele Kategorien gibt, die fast nichts
bedeuten. Wenn die Kategorien zu starr sind, verschließen wir unseren Geist vor
Phänomenen, für die es noch keine Kategorie gibt. Postmodern-Linke Philosophen
wie Jacques Derrida hielten Kategorien an sich genau aus dem für
Unterdrückungswerkzeuge. Das Erstellen neuer Kategorien braucht Zeit, sie müssen
definiert, geprüft und zwischen vielen Menschen ausgehandelt werden. Je nach
Persönlichkeitsstruktur kann es sein, dass jemandem diese Zeit zu lang ist, oder
zu kurz.

Safe Spaces und Triggerwarnungen

„Safe Spaces“ werden Räume genannt, in denen sich Angehörige von Minderheiten
frei von Diskriminierung, Gewalt und Belästigung austauschen können. Um das zu
erreichen, ist das Verhalten und die Sprache der einzelnen Personen im „Safe
Space“ relativ stark reguliert. Kritiker dieses Konzeptes fürchten, dass sich
die Personen gegenseitig bestätigen, andere Ansichten nicht mehr zulassen oder
sogar gewalttätig gegen die Welt außerhalb ihres „Safe Space“ werden können.
Triggerwarnungen sind Warnungen dazu, dass ein bestimmter Inhalt — Text, Bilder,
Videos oder anderer Art — ein Hinweisreiz für traumatische Erlebnisse sein
könnten. Meine Kritik daran habe ich hier
aufgeschrieben
.

Beide Konzepte beruhen auf dem Gedanken, dass Gruppen, die häufig unter
Diskriminierung leiden, speziellen Schutz vor der als unterdrückend und
diskriminierend empfundenen Außenwelt brauchen. Sie sind also letztendlich auch
ein Ausdruck starken Mitgefühls und starker Identifizierung mit
schutzbedürftigen Personen. Für einen Linken mit stark ausgeprägtem Mitgefühl
dürfte dieses Konzept als natürlichste Sache der Welt erscheinen. Umgekehrt ist
Kritik an diesen Konzepten für Linke wie ein Angriff auf Schwächere, die sie
dann beherzt bis aggressiv verteidigen werden.

Das Konzept „Safe Space“ lässt sich aber auch auf rechte Gruppen übertragen.
Während Linke durch Fairness- und Beschützer-Moral etwas andere
Gruppenstrukturen und Verhaltensweisen haben, wäre ein „rechter“ safe space ein
Ort, an dem Ordnung und, aufgrund der Idee von „Reinheit“ als moralischer Basis,
Homogenität herrschen. Viele studentische Verbindungen sind mit ihren strengen
Verhaltenskodizes, der hierarchischen Gliederung und den häufig rassistischen
Vorstellungen ein gutes Beispiel. Letztendlich sind rechte wie linke Safe Spaces
Räume, in denen Menschen mit gleichen moralischen Fundamenten sich ungestört
austauschen können.

Fazit

Politische Einstellungen sind Ergebnisse moralischer Grundwerte, die wiederum
von Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden, die zu einem guten Teil
angeboren sind. Zwar lassen sie sich auch durch Erziehung formen, doch nur
begrenzt und möglicherweise auch nicht für den Rest des Lebens. Trotzdem sind
extreme Persönlichkeitsprofile, die eine Überbetonung bestimmter moralischer
Werte mit sich bringen, selten. Die meisten Menschen liegen bei
Persönlichkeitseigenschaften im Durchschnitt und haben daher tendenziell auch
ein ausgewogeneres moralisches Fundament. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie
nicht für Ideologien anfällig werden können, wenn sie sich, getrieben durch eine
laute Minderheit, durchsetzen.

So schön einige dieser Werte sind: keiner der von ihnen sollte sich allein
durchsetzen, da ihre extremen Ausprägungen schlimme Konsequenzen haben können.
Respekt für Autorität kann im Führerstaat münden oder in einem funktionierenden
Schüler-Lehrer-Verhältnis. „Reinheit“ kann zu angemessener Hygiene und
langfristigem Denken führen, radikalisiert allerdings zu Rassismus. Der Schutz
von Minderheiten ist ein Grundbaustein der Demokratie, kann aber zum totalen
Kulturrelativismus führen und letztendlich dazu, dass selbst grausigste
kulturelle Eigenheiten von Minderheiten wohlwollender beurteilt werden, während
sie vergleichsweise harmlose, aber von der Mehrheit geteilte Werte ablehnt.
Dafür ist der Nahostkonflikt und die linke Parteinahme für Palästina ein sehr
gutes Beispiel.

Egal ob männlich oder weiblich, ältere Menschen sind verträglicher und daher
auch mitfühlender. (Quelle, eigene
Berechnung)

Es gibt sicher noch viel mehr Beispiele dafür, wie sich politische Meinungen und
Prozesse durch eine Kombination aus Persönlichkeitseigenschaften und moralischem
Fundament erklären lassen. Natürlich ist die Realität immer komplexer als ihre
Abstraktion in Zahlen und psychologischen Messwerten. Persönlichkeit und Moral
können sich im Laufe des Lebens ändern, besonders die Verträglichkeit steigt mit
zunehmendem Alter tendenziell an. Das widerspricht aber nicht der Tatsache, dass
sich viele politische Begebenheiten mit psychologischen Daten besser erklären
lassen.

Doch egal ob es jemandem um Veränderung geht, oder um das Erhalten von bereits
Bekanntem: es ist wichtig, die Grundlagen politischen Handelns zu verstehen —
und die sind eben nicht zu trennen von dem, was Menschen ausmacht. So kann man
für einen Moment aus dem täglichen politischen Hin und Her aussteigen, in dem
ohnehin jeder glaubt, im Recht zu sein und zumindest für eine kurze Zeit eine
reflektierte Außenperspektive auf das haben, was momentan in der Welt passiert.
Die für viele schmerzhafte Einsicht dahinter wäre, dass Linke und Rechte
gleichermaßen etwas zur Lösung politische Probleme beizutragen haben — und dass
die extreme Polarisierung in politische Lager, die wir heute beobachten, ein
Ergebnis davon ist, dass diese Einsicht verdrängt wird.


Anmerkungen

[1] „Rechts“ und „links“ ist hier als Parteipräferenz zu verstehen. Da die
Studien, die hier angeführt werden, aus Nordamerika (USA und Kanada) kommen,
sind „Rechte“ also Wähler der Republikaner bzw. die CPD und „Linke“ LPC. In
Deutschland entspräche „links“ ungefähr SPD oder den Grünen und „rechts“ CDU bis
AfD.

[2] Jonathan Haidt, einer der weltweit wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet,
hat einen sehr guten TED-Talk darüber gehalten:

Clapping shows how much you appreciated Tim’s story.

Tim